Momentan, während des Klimagipfels in Kopenhagen, finden wieder hitzige Diskussionen über den Klimawandel statt, die auch abseits des Spiegel-Online-Forums für Aufregung sorgen. Den Klimawandel gibt es überhaupt nicht, ist die generelle Meinung, das ist alles erstunken und erlogen, alles nur von dunklen Mächten gesteuert. Die Nennung von Alles Schall und Rauch als Beleg für die holprigen Aussagen zeigt sofort, auf welchem Niveau überhaupt argumentiert wird: es scheint nicht der Rede wert.
Es gibt nur wenige Weblogs in Deutschland, die sich ihre Seitenleiste mit Videos und Links und Texten vollkommen zuballern, dass sie jeden Artikel um ein Vielfaches überragt und es gibt nur wenige Weblogs in Deutschland, die in ihrer Seitenleiste über den 11. September, den Status Israels und das Verhältnis des Autors zum Islam: Politically Incorrect ist der bekannteste Vertreter dieser Gattung — was dort argumentationstechnisch abgeht, entbehrt jedweder Grundlage (und dennoch ist die haarsträubende Kurzsichtigkeit insbesondere in den Kommentaren durchaus erheiternd).
Eigentlich ist ein Blick auf die Argumentationen von „Alles Schall und Rauch“ die Zeit nicht wert, denn mit dem Vergleich zu Politically-Incorrect ist eigentlich alles gesagt, aber ich riskiere es mal für ein paar Artikel, denn gerade jetzt — zu Kopenhagener Zeiten — bekommt der schweizer Autor „Freeman“ einen richtigen Rappel.
Die Argumentationsstruktur ist befremdlich einfach: Freeman nimmt sich eine These, zum Beispiel, dass der Kohlenstoffdioxid-Gehalt in der Atmosphäre etwas mit dem Klimawandel zu tun hätte, kramt in seinem Archiv nach einer geeigneten Grafik, die entweder mit falschen Werten hantiert oder die Zusammenhänge in einen nicht kausalen Maßstab abbildet und schon ist der geneigte Leser klüger als jeder Wissenschaftler der Welt und die These ist widerlegt. So einfach kann das sein mit der Wissenschaft und mit dem Klimawandel sowieso — toll! Und obwohl Freeman immer wieder kritisierte, dass die Alarmisten mit wissenschaftlichen Ergebnissen argumentieren, legt er seine Quellen erst gar nicht offen. So bleiben seine Widerlegungen unüberprüfbar, es ist weder ersichtlich, welchem Zusammenhang eine Grafik entnommen wurde, noch ist überhaupt klar, wo sie überhaupt herstammt — und ob sie nicht, wie schon so oft, als Argumentationsstütze eines Klimaskeptikers entstand.
Freemans Grundsatz scheint einfach: die Medien sind böse, der Staat ist böse und der Klimawandel gibt’s gar nicht. Alarmisten seien paranoid und von den dunklen Mächten gesteuert — und was den Klimawandel angeht, ist der spätestens nach Climategate eine dunkle Erfindung aufmerksamkeitsdefizitärer Wissenschaftler.
Hoffentlich weiß das die Natur auch, denn das die Argumentation etwas löchrig ist, fällt bei „Alles Schall und Rauch“ niemandem auf. Es wäre sicher aufschlussreich, die Natur zum Klimawandel zu befragen, doch leider hält sie sich arg bedeckt, was das Thema angeht. Für Freeman kamen die geleakten E-Mails der Klimaforscher gerade recht: wieder einmal schöpfte er aus dem vollen, riss einzelne Aussagen vollends aus dem Zusammenhang und belegte dadurch, dass es keinen Klimawandel gibt.
Vollends disqualifiziert sich „Alles Schall und Rauch“ (ganz getreu dem politisch-inkorrektem Original) mit den Kommentaren seiner Leser. Als wissenschaftliche Wahrheit gilt dort, was im Kontrast zur sogenannten „Mainstream-Wissenschaft“ steht — und das darf gerne nicht nur vollkommen verquer und unlogisch, sondern auch konträr zur selbstdefinierten „Wissenschaftlichen Wahrheit“ stehen.
Freeman beweist mit der Grafik eines Baumes, dass ein steigender Kohlenstoffdioxid-Gehalt in der Luft gar nicht so schlimm sei. Was die Grafik allerdings zeigt, ist unklar: handelt es sich um vier verschiedene Bäume, die in der gleichen Zeit abhängig vom Kohlenstoffdioxid-Gehalt freilich arg in die Luft geschossen sind? Oder ist das ein und derselbe Baum, der friedlich vor sich hin wächst, während der Kohlenstoffdioxid-Gehalt langsam erhöht wird, womit die Argumentation irgendwie unschlüssig wird? Freeman schließt: bei schnellerem Kohlenstoffdioxid-Gehalt wachsen die Bäume schneller (und vermutlich gibt es deswegen gar keinen Klimawandel).
In den Kommentaren empört sich „strg-alt-del“:
Da habe ich noch etwas interessantes gefunden:
http://www.fehler-der-wissenschaft.de/
http://www.computertechnik-schmidt.de/fehler/files/schavan.pdf
In diesen Versuchsreihen eines privaten Tüftlers (schon vor 1990!)geht es um den Beweis, dass Pflanzen nicht Sauerstoff sondern CO2 produzieren; soll heissen, CO2 kann kein Treibhausgas sein! Die Wissenschaft lässt sich augenscheinlich nicht davon beeindrucken…
Diese Beispiel fällt auch in die Rubrik “Es kann nicht sein, was nicht sein darf”.
Dass diese abenteuerliche Studie eines Tüftlers den biologischen Funktionen der Pflanzen widerspricht, scheint nicht relevant zu sein — denn auch bei „Alles Schall und Rauch“ mag man nur sehen, was man sehen will: weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Und der Klimawandel darf nicht sein.